Referat Dr. Margrit Gysel, Präsidentin
Vollversammlung 9. November 2000 in Zürich
Sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen
Der alte Grieche Aristoteles beschrieb vier Grundtugenden: Klugheit : Abwägen und Urteilen, Gerechtigkeit :jedem das geben was ihm gerechterweise zukommt, Mut oder Tapferkeit -was etwa so viel heisst wie Kraft, Ausdauer und Realitätssinn entwickeln- und Mass - das Mass der Dinge nicht in der Macht des Menschen suchen, sondern in seiner Würde.
Diese vier Grundtugenden sind auch heute noch die Grundpfeiler jeglichen Zusammenlebens – man kann sie auch Sozialkompetenzen nennen. Sie bilden demnach auch den zentralen Auftrag von Bildung und jeder Ausbildung, die ihren Namen verdient. Und sie sind schlecht messbar.
"Sozialkompetenz" ist heute ein Modewort, und wie dies bei so vielen aktuellen Schlagwörtern der Fall ist, droht auch dieser Begriff in unserer technokratisch ausgerichteten Zeit zu einer Worthülse zu werden. Das ganze heutige Konkurrenzdenken läuft in die entgegengesetzte Richtung, der zwischenmenschliche oder eben soziale Bereich, der eigentlich letzten Endes über Erfolg oder Misserfolg alles Handelns entscheidet, wird vernachlässigt. Der Mensch spielt praktisch keine Rolle mehr, sogar in der Bildungspolitik.
Da redet man - man redet viel heute !- von Innovation, von Reorganisation, von Qualitätssicherung - man erfindet laufend neue Strukturen, man redet von Daten, jedoch: von Bildungsinhalten, von Betroffenen, von Menschen ist kaum je die Rede.
Sie alle, liebe Kolleginnen und Kollegen, sehr verehrte Vertreterinnen und Vertreter der Politik, der Wirtschaft und der Verwaltung, haben sich heute an der Vollversammlung der LKB zusammengefunden, um Ihr Interesse und Ihre Verbundenheit mit der Berufsbildung auszudrücken. Uns allen ist klar, dass Bildung , gerade auch Berufsbildung Menschen, vor allem junge Menschen betrifft. Diese Tatsache darf ob der Verknüpfung der Berufsbildung mit der Wirtschaft nicht vergessen gehen.
Ich denke deshalb , dass wir zunächst gemeinsam über unsere Vorstellung vom Menschsein nachdenken müssen, um uns klar zu werden , was wir mit Bildung und Ausbildung, dual oder nicht- eigentlich wollen. Wichtig ist es auch, dass alle an der Ausbildung Beteiligten sich klar werden über ihre Anliegen und Ziele. Sie müssen gemeinsam formuliert und angestrebt werden und dadurch kann auch ein fruchtbarer Dialog zwischen allen beteiligten Partnerinnen und Partnern entstehen.
Nach all der Hektik der vergangenen Jahre, die unsere Arbeit zwar auch spannend machte und immer noch macht, ist es dringend nötig, dass wir uns wieder zurückbesinnen auf das, was unsere Auszubildenden in erster Linie brauchen, was wir ihnen unbedingt mitgeben müssen: nämlich Sozialkompetenzen. Sozialkompetenzen können kaum unterrrichtet werden; sie müssen gelebt werden.
Da sind wir Lehrerinnen und Lehrer, Ausbildnerinnen und Ausbildner gefragt. Wie gehen wir mit den Ansprüchen des erwähnten aristotelischen Tugendkatalogs um ?
Zunächst einmal sollten wir Lehrerinnen und Lehrer unsere Handlungsweise klug abwägen und be-urteilen und in unsere Arbeit unsere eigenen Vorstellungen - sprich Ueberzeugungen und Visionen - einbringen können. Wir müssen uns dazu vermehrt Freiräume schaffen und wir müssen uns in die Schulentwicklung einmischen.
Wir müssen gerecht sein im Umgang mit Schülerinnnen und Schülern auch dann, wenn sie es uns schwer machen. Wir müssen unseren sozialen Auftrag wahrnehmen und auch Anstrengungen unternehmen zur Integration von fremdsprachigen Jugendlichen und von schulisch Schwächeren. Wir leisten damit u.a. ganz direkt einen Beitrag zum Vorbeugen von Gewaltakten, sei es für die Gegenwart – während der Ausbildungszeit der Jugendlichen - oder für ihre Zukunft.
Wir müssen den Mut haben, uns hartnäckig für Inhalte zu wehren, die uns wichtig sind, ohne deswegen den Sinn für Realität zu verlieren. Unsere Arbeit darf nicht darauf reduziert sein, vor allem Qualitäten zu fördern, die sich direkt in Geld ummünzen lassen. Wir müssen uns wehren, uns in einen Leistungswettbewerb einspannen zu lassen, wo Leistung materiell messbar sein muss und Anerkennung gleichzusetzen ist mit mehr Lohn. Mit andern Worten: wir müssen uns für mehr interessieren als für fragwürdige bezifferbare "outputs" und "outcomes".
Unser Beruf verlangt auch Geduld, Ausdauer, Hartnäckigkeit, Stehvermögen, jeden Tag neu, über lange Jahre hinweg. Sonst wären wir für unsere immer neuen und immer wieder andersartigen Schülerinnen und Schüler unerträglich. – Unsere eigene persönliche Realität jedoch sieht anders aus: Lehrerinnen - und Lehrersein ist bis heute vielfach ein Beruf auf Lebenszeit geblieben , mit der gleich grossen Belastung von Anfang bis zum Ende des Schuldiensts – ein Beruf , der von manchen als Sackgasse empfunden wird, besonders seit der automatische Stufenanstieg als kleiner Ersatz für eine sogenannte Karriere weggefallen ist.
Und Lehrerinnen und Lehrer – vor allem auch der Berufsschulen- haben ganz besonders den Auftrag, die Würde der anvertrauten Jugendlichen ins Zentrum zu stellen..
Würde zeigt sich im Umgang miteinander, vor allem in der Kommunikationsfähigkeit aller Beteiligter.
Hier möchte ich nun einen Blick auf die Schülerrealität werfen: Die meisten Schülerinnen und Schüler besitzen ein handy, mit dessen Hilfe sie jederzeit und überall mit der Aussenwelt kommunizieren könnten. Ich sage bewusst "könnten", denn meistens fehlt es der Botschaft an Form und Inhalt, was letztlich eine erfolgreiche Kommunikation ausmachen würde. Es ist klar:
Eine rein funktionale Sprechbeherrschung für den Alltag reicht nicht aus, um wirklich erfolgreich zu kommunizieren.
Wir Lehrerinnen und Lehrer von heute haben die Pflicht, bei unseren Schülerinnen und Schülern das Bewusstsein für Sprache im allgemeinen und auch ihre verschiedenen Register wieder zu wecken: Sprache – voran die Muttersprache - ist Ausdruck einer eigenen Kultur, ist Werkzeug zum Zugang zur Umwelt. Auch für unsere Schülerinnen und Schüler ist Erwerb und Pflege ihrer Muttersprache – selbst wenn es sich nicht um Deutsch handelt - von zentraler Bedeutung. Sprachbewusstsein ist Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, der Würde des Einzelnen, und Mittel zur Kommunikation zugleich.
Kommunikationsfähigkeit ist eine wichtige Sozialkompetenz. Dazu kommt bei uns in der Berufsbildung der wichtige Stellenwert der deutschen Sprache auch bei fremdsprachigen Jugendlichen.. Sie ist hierzulande halt vor allem der Schlüssel zur Sachkompetenz und somit zum beruflichen Erfolg.
Auch der Erwerb von Fremdsprachen ist in der Berufsbildung wichtig und muss besonders in den gewerblich-industriellen und technischen Berufsschulen intensiviert werden. Noch immer sind für mehr als die Hälfte der Jugendlichen, die eine Berufslehre ohne Berufsmaturität wählen, Fremdsprachen kein obligatorisches Fach.
Die Umsetzung der obgenannten "Grundtugenden" verlangt mutige, kompetente, engagierte, motivierte und motivierende Ausbildnerinnen und Ausbildner, Lehrerinnen und Lehrer, aber auch einen loyalen Arbeitgeber.
Wir Lehrerinnen und Lehrer wissen, dass wir gute Arbeit leisten und wir freuen uns auch, dass dies von der Oeffentlichkeit auch langsam wahrgenommen wird.
Dass die Lehrerinnen und Lehrer des Kantons Zürich sich auch zeitlich überdurchschnittlich engagieren, hat gerade die neuste Studie von Prof. Forneck von der Universität Giessen gezeigt. Diese Arbeitszeituntersuchung ist nicht zuletzt ein Ergebnis der ausserordentlichen Vollversammlung der LKB vom Mai 1999.
Ich verzichte , hier auf Details einzugehen – Sie haben ja alle die Presseberichte gelesen. Nur so viel: Zürcher Lehrerinnen und Lehrer verdienen Vertrauen und Unterstützung, nicht zuletzt auch in Form von angemessenen Arbeitsbedingungen. Dazu gehören z.B. verbesserte Weiterbildungsmöglichkeiten, grössere Unterstützung zur Schulentwicklung. Engagement und Motivation werden aber auch gefördert durch ein breites Mitspracherecht: Lehrerinnen und Lehrer sind ja die Fachleute der Bildung. Der Stellenwert des Lehrerberufs muss nach aussen so kommuniziert werden, dass auch wieder junge Leute, trotz der Verlockungen der Wirtschaft – in diesen Beruf einsteigen, eben weil gerade hier die Möglichkeit besteht, Klugheit, Gerechtigkeit, Mut und Mass zu leben.
Hiermit erkläre ich die 33. Ordentliche Vollversammlung der Lehrerinnen- und Lehrerkonferenz der Berufsschulen des Kt. Zürich als eröffnet.