Vollversammlung 20. November 2001 in Winterthur
Auszug aus dem Referat der Präsidentin
Dr. M. Gysel
Sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen
"Stell Dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin" !
Erschrecken Sie nicht, liebe Anwesende, ich habe nicht im Sinn , heute morgen über die Geschehnisse seit dem 11. September, über den Krieg in Afghanistan, zu sprechen. Obwohl dies ein wichtiges Thema wäre. Denn es ist doch schon so, dass sich seit Anfang September für uns alle die Welt stark verändert hat, eine Tatsache, die auch vor den Schulzimmern nicht halt macht.
Vielmehr möchte ich das eingangs zitierte geflügelte Wort abwandeln und auf eine andere Realität ummünzen:
"Alle sprechen von Bildung als dem Rohstoff unseres Landes und keiner ist gewillt, den Preis dafür zu bezahlen."
Tatsächlich hören wir fast täglich, wie wichtig, ja zentral Bildung und Ausbildung für unseren Staat, für den Standort und die Entwicklung unserer Wirtschaft sind. Da müsste es doch eigentlich die logische Konsequenz sein, dass Staat, Wirtschaft, Politiker und Gesellschaft alles daran setzen, damit unser hochstehendes öffentliches Schul- und Ausbildungswesen auf allen Stufen erhalten bleiben kann.
Stattdessen sind wir daran, durch herbeigeredete Finanzknappheit unser öffentliches Bildungswesen auszuhöhlen. "Sparen" heisst die Devise unserer Zeit. Wir sind auf dem besten Weg, unser Bildungswesen zu Tode zu sparen. Bereits sind auch Konsequenzen spürbar: gestandene Lehrer laufen davon, da die Arbeits- und Anstellungsbedingungen nicht mehr stimmen. Es fehlt an notwendiger Weiterbildung, und noch immer ist das politische und gesellschaftlich Umfeld wenig lehrerfreundlich. Logischerweise fehlt es unserem Berufstand, der in den letzten Jahren immer mehr an Attraktivität eingebüsst hat, auch an Nachwuchs.
Und es wird trotzdem weiter gespart! Es gibt sogar Prognosen, die besagen, dass die Bildungsausgaben in Zukunft nicht mehr zunehmen werden, d.h. dass alle zukünftigen Neuerungen auf Kosten von Bestehendem gehen werden.
Man kann Bildung demontieren. Aber man darf ja nicht glauben, dass sie dann plötzlich eines Tages wieder auferstehen wird, in neuer Pracht, "wie der Phönix aus der Asche." Aus Scherben entsteht bekanntlich nur zögerlich Neues, und es ist fraglich, ob der von den Wirtschaftskapitänen vielgerühmte "einzige "Rohstoff, das "Humankapital" je wieder so optimal wie heute genützt werden kann, ob nicht der Schaden für unser Bildungswesen irreparabel sein wird.
Privatisierung von Bildung, Ausbildung und Weiterbildung ist auch keine gültige Antwort auf vermeintliche Finanzierungsprobleme. Denn ein gutes und attraktives öffentliches Bildungswesen für alle ist auch die Grundlage für einen demokratisch funktionierenden Staat. Es hat Integrationsfunktion und ist auch Garant für das Gemeinwohl, den sozialen Frieden.
Zudem ist die Lehrerschaft heute mit neuen Problemen konfrontiert. Vieles ist neu in Frage gestellt. Und es ist schwierig geworden, Gesamtzusammenhänge zu erkennen. Das Recht des Stärkeren, der rücksichtslose Egoismus haben mehr Gewicht bekommen und Frustration, Unsicherheit und Angst, auch bei Jugendlichen, sind Faktoren geworden, die ernstzunehmen sind. Arbeitslosigkeit ist auch für unsere Jugendlichen eine realistische Perspektive geworden.
Umso wichtiger ist es deshalb, dass LehrerInnen und Lehrer noch viel stärker als bisher ihren SchülerInnen und Schülern das Gefühl der Sicherheit, der Verlässlichkeit vermitteln können, denn nur so kann sich Motivation zu Ausbildung überhaupt entwickeln.
Damit ist aber dem LehrerInnen- und Lehrersein eine neue Herausforderung entstanden, eine Provokation, der die Lehrerschaft nicht im Alleingang begegnen kann. Gerade in der jetzigen Zeit müssen Lehrerinnen und Lehrer in ihrer Arbeit ganz besonders spüren, dass sie von der Gemeinschaft wohlwollend getragen und unterstützt werden, moralisch, gesellschaftlich, vor allem aber auch politisch. Dazu gehören auch Arbeitsbedingungen, die von gegenseitigem Vertrauen und Wohlwollen geprägt sind. Die Qualität der Ausbildung der nächsten Generationen hängt davon ab.