Einleitung:
Freundlicherweise stellt der VPOD seinen Entwurf zur Vernehmlassung "Bildungszentren" interessierten Organisationen als Info zur Verfügung. Damit auch die LKB-Mitglieder die Möglichkeit haben, sich direkt zu informieren, publizieren wir diesen Vernehmlassungsentwurf auf der HomePage. Es handelt sich dabei um reine Information und nicht um die Stellungnahme der LKB.
Redaktion LKB-HomePage, hh
VPOD Zürich Lehrberufe ENTWURF
zhd div. interessierter Organisationen/Personen
Bildungsdirektion des Kantons Zürich
RR Prof. E. Buschor
Walchetor 21, Postfach
8090 Zürich
Stellungnahme zu:
Vernehmlassung "Bildungszentren auf der Sekundarstufe II / Projekt Leistungsauftrag"
Sehr geehrter Herr Regierungsrat
Gerne nehmen wir die Gelegenheit wahr, zum "Projekt Leistungsauftrag" Stellung zu nehmen.
Als Gewerkschaft prüfen wir den bildungspolitischen Gehalt des Projekts und dessen Bedeutung für das Personal.
Als Verband, der sowohl Mittel- wie Berufsschul-Lehrkräfte vertritt, stellen wir die Aspekte in den Vordergrund, die die Sekundarstufe II als Ganze betreffen, auch wenn uns klar ist, dass sich - besonders im Kanton Zürich - die Mittelschulen und die Berufsbildung noch in sehr verschiedenen "Welten" bewegen und die gemeinsamen Aspekte ihrer Aufgaben - besonders an den Schulen selbst - noch kaum erkannt sind.
Wir beschränken uns dabei auf die Grundanliegen des Projekts und gehen i.b. auf die Schulorts-Zuteilungen im Einzelnen nicht ein. Was Letztere angeht, hoffen wir jedoch, dass es der Projektleitung gelingt, den partikularen Verlautbarungen der Schulen nicht mehr Gewicht zu geben als den übergeordneten bildungspolitischen Gesichtspunkten.
Im Übrigen folgen wir den gestellten Fragen.
1. Grundsätze
(1.1.)
Wir befürworten die Schaffung von Bildungszentren nach Berufsfeldern, denn danach besteht ein grosses Bedürfnis, von seiten der Jugendlichen wie der Gesellschaft. Nur so kann eine breitere berufliche Grundbildung angeboten werden. Kernidee von Bildungszentren muss es sein, längerfristig mehr und unterschiedlich kombinierte Bildungswege durch die Sekundarstufe II zu öffnen. (Innere Durchlässigkeit; Vermeidung von Doppelausbildungen und Bildungsumwegen)
Bildungszentren auf der Sekundarstufe II schlägt im Übrigen auch die "Projektgruppe Sekundarstufe II" in ihrem Schlussbericht vor. :
Kernidee und wesentliches bildungspolitisches Ziel von Bildungszentren ist ausserdem ein Konzept gemeinsamer Bildungsinhalte; d.h. eine Vorstellung, welche Bildungsinhalte auf der Sekundarstufe II "Allgemeine Bildung" im Sinne von allen gemeinsam, und welche je nach Bildungsrichtung spezifisch sind.
Wenn zu Recht von der künftigen Mittelschulbildung eine "Hinwendung zur Gesellschaft" (Studierfähigkeit nicht als einziges Ziel) erwartet wird, so wird heute auch von der Berufsbildung erwartet, dass ihr Ziel nicht nur Erwerbsfähigkeit, sondern auch Studier- und Weiterbildungsfähigkeit ist. (siehe auch Punkte 1.4 und 1.7)
Zwei wesentliche Gebiete, die wir zu einer künftigen allgemeinen Bildung auf dieser Stufe zählen, sind Sprache/Fremdsprachen und ICT-Bildung bzw. Bildschirmarbeit. Ausserdem ermöglichen es Bildungszentren, ausserhalb der Kernfächer Bildungsangebote zu machen, die für die Lernenden verschiedener Bildungsrichtungen zugänglich sind.
Zur Verbreiterung der beruflichen Grundbildung: gehört neben der Schaffung neuer Berufe - die meist ja auch anspruchsvoller sind und oft dann auch wieder in Niveaus unterteilt werden - auch die Anerkennung von Lernleistungen, die in anderen Berufen oder Schulen vorangegangen sind.
Und: Wenn bei einer Lehre der schulische Anteil erhöht wird, muss auch der Anteil der Allgemeinbildung erhöht werden.
Um die Berufsbildung als Ganze besser koordinieren zu können, ist es notwendig, dass der Kanton endlich auch die kaufmännische Berufsschulen übernimmt. Deren private Trägerschaft ist - wie richtig bemerkt auf. S. 12 - seit nunmehr rund 10 Jahren nur noch als befristet anerkannt. Bekanntlich werden diese Schulen schon seit Langem zu 90 % von der öffentlichen Hand subventioniert.
Jeder Standort muss auch berufspraktische Bildungsgänge anbieten. Bei der Gliederung in Berufsfelder ist darum auch auf eine ausgewogene Zusammensetzung bzgl. Leistungsanforderungen an die Jugendlichen achten, i.b. um innerhalb eines Berufsfelds bzw. am entspr. Standort Durchlässigkeit auch von "unten nach oben" zu gewährleisten.
Besonders Augenmerk muss heute die Integration der (noch) Nicht-BBT-Berufe finden. (Gesundheits- und Sozialberufe, Erziehung, Kunst) Wir vermissen hier über die Erwähnung dieses Bereichs hinaus gehende Vorschläge und hoffen, dass die eingesetzte Arbeitsgruppe diese Gelegenheit nützt, auch diese Jugendlichen vollwertig ins Bildungssystem zu integrieren. Dabei ist zu wünschen, dass die zahlreichen Qualitäten, die diese Schulen vorzuweisen haben, zu einer Inspiration auch für andere Ausbildungsrichtungen werden.
(siehe auch Pt. 1.4/1.7)
Jugendliche mehr und mehr in Berufsfeldern auszubilden, ist zweifellos notwendig, dringend und ganz in deren Interesse.
Zwar ist uns bewusst, dass für manche Lehrberufe eine sinnvolle Zuordnung zu Berufsfeldern verschieden vorgenommen werden kann; doch ist die hier (S. 15/16) vorgeschlagene Einteilung doch sehr traditionell und pragmatisch und zeigt wenig Vorstellungen, wie die Berufswelt sich künftig entwickeln wird. Hauptkriterium für die Einteilung von Lehrberufen sollten die Ausbildungsinhalte sein.
- Sicher unbefriedigend ist "C - gewerbliche Berufe", was vom Ausbildungsinhalt her gar kein Berufsfeld ist.
- Fragwürdig mit Blick auf die voraussehbaren künftigen Entwicklungen ist die Konsistenz des Berufsfelds "E - Handel und Betriebswirtschaft" (abgesehen von dessen Bezeichnung). Dass kaufm. und techn. Ausbildungen sich mehr verzahnen sollten, ist jedenfalls absehbar und weitherum anerkannt. (vgl. Diskussionen um den neuen Beruf "Mediamatiker").
- Nur politisch-administrative und nicht inhaltliche Gründe sehen wir hinter der Definition der GSK-Berufe als Berufsfeld. Einige gewerbliche Berufe, z.B. Drogistin, Laborantin sowie die para-medizinischen Berufe gehören z.B. ev. besser zum Berufsfeld Gesundheit. Der Bereich Kunst gehört sicher nicht dazu.
(1.2.)
Wir befürworten grundsätzlich die "Messgrössen" und "Optimierungsfaktoren", die genannt sind, wollen die darauf basierenden konkreten Schulortszuteilungen jedoch nicht im Detail kommentieren. U. E. ist die Schulgrösse nur bedingt relevant für die Schulqualität; unterschiedliche Schulgrössen sind weder sehr problematisch noch vermeidbar. Immerhin gehen wir einig darin, dass die Allgemeine Berufsschule ABZ aufgeteilt werden muss und die kleinen Berufsschulen (Rüti, Dietikon, Horgen) heute zu klein sind.
Problematischer als die Grösse einer Schule ist - vom Konzept Bildungszentren her - eine "Monokultur-Schule" bzw. Schulstandorte, die neben der klassische Berufslehre keine anderen Bildungsgänge der Sek-Stufe II anbieten.
Wir meinen, die "Messgrössen" und "Optimierungsfaktoren" seien im Übrigen kaum schlüssig zu beurteilen ohne ein wenigstens grobes Konzept bzw. eine Definition von Bildungszentren. Wir vermissen insbesondere eine eingehendere Abwägung auch der Folgen für die Ausbildungsqualität an den einzelnen Schulen, also der "Gewinne" und "Verluste". (vgl. Bemerkung zu Punkt 4)
Nicht akzeptieren können wir zwei Kriterien, die angeführt werden:
Das Kriterium "wirtschaftlich vertretbare Grösse" eines Bildungszentrums lehnen wir insofern ab, als es suggeriert, die Neuzuteilung der Schulorte bzw. das Projekt Bildungszentren könne Einsparungen erbringen. Das ist mit Sicherheit unrealistisch und auch fehl am Platz; wünschbar ist in diesem Zusammenhang höchstens, dass neu diskutiert werden kann, wofür die Mittel eingesetzt werden.
Was die Globalbudgets angeht, ist bis jetzt immerhin nicht erwiesen, dass sie sich für Schulen eignen. Im Gegenteil: Abgesehen von unserer grundsätzlichen Skepsis gegenüber der Budgeteinheit "Schule" scheinen die Schulen mit Globalbudgets eher überfordert und das Unterrichten durch die internen Schwierigkeiten erschwert.
Unhaltbar ist im weiteren, dass von einer Klassengrösse von 20 Lernenden ausgegangen wird; wir verlangen eine Richtgrösse von 15.
Was die Schulwege für die Lernenden angeht, sind wir einverstanden mit der Einschätzung, dass dieses Kriterium heute nicht mehr so gewichtig ist wie etwa noch vor 10 Jahren. Wir schlagen hingegen vor, dass die Lehrbetriebe, ev. auch der Kanton, die Kosten längerer Schulwege übernehmen.
Leider ist aber das "Teilprojekt Leistungsauftrag Bildungszentren" de facto ein "Teilprojekt Leistungsauftrag Berufsschulen" geworden.
Zudem lassen die Unterlagen in mehrerer Hinsicht Transparenz vermissen:
- Es fehlen Quellenangaben der verwendeten Zahlen/Daten.
- Es fehlt Information über Planungsziele und -stand der Pilot-Bildungszentren. Ebenfalls fehlt Information über die Empfehlungen, die aus deren Evaluation von Januar 2000 resultierten, und über die Konsequenzen, die die Bildungsdirektion zieht. (i.b. "Mangelnde Überprüfbarkeit der Zielerreichung").
(1.3.)
Wir befürworten die Dezentralisierung der Berufsmaturität, denn so wird sie besser in die Sekundarstufe II integriert. Die (wie üblich) gestellte "Niveaufrage" ist hier u.E. fehl am Platz: Die Qualität des Berufsmaturitäts-Unterrichts hat wie bei allen Schulen vor allem mit der Frage der Zu- und Abgänge, mit Personalpolitik und mit Führung zu tun.
Und: "Berufsmaturität" ist eine Qualifikation, nicht die Bezeichnung einer Schule.
Zentral ist für uns, dass mehr Schüler/innen und solche aus mehr Berufen den Weg an die BMS finden. Jedes Bildungszentrum sollte daher eine BM-Ausbildung anbieten.
Hingegen liegt uns daran, zu betonen, dass wir eine Dezentralisierung der andern Abteilungen der Berufsschule für Weiterbildung - also der Abteilungen Fremdsprachen und Erwachsenenbildung - ablehnen würden. In Zürich und Umgebung besteht eine genug starke Nachfrage für diese beiden Abteilungen und für deren breite Kurs-Palette.
In diesem Zusammenhang ist unverständlich, dass der Weiterbildungsbereich bei den Überlegungen zur Schulortszuteilung einfach fehlt. Da wir von der Notwendigkeit ausgehen, solche Bildungsgänge auch in den Regionen anzubieten, muss u.E. jedes Bildungszentrum - zusätzlich zu den erwähnten Abteilungen in der Stadt - auch Weiterbildungsangebote aufbauen.
(1.4 siehe 1.7.)
(1.5)
Eine zentrale Kritik betrifft die Tatsache, dass die Folgen für die Lehrkräfte nicht angesprochen und nicht ersichtlich sind. Deren Verunsicherung ist darum verständlich. (Daher etwa die Polemik im Organ des Mittelschullehrerverbands mvz in Qi 2-2000: "Für uns tun sich Abgründe auf...")
Die Verpflichtungen, die der Kanton als Arbeitgeber in diesem Zusammenhang zu übernehmen bereit ist, sind nicht genannt.
Von Lehrpersonen wird oft genug "Professionalität" verlangt; so würde aber zu einem solchen Projekt auch gehören, dass die Projektverantwortlichen 1. professionell den Kontakt mit den Lehrkräften aufnehmen und sich mit deren Blickwinkel und Anliegen auseinandersetze, und dass 2. kommuniziert würde, was für Arbeitsbedingungen bzw. Verbesserungen ihnen die neuen Schulortszuteilungen bringen würden.
So muss etwa verbesserte Durchlässigkeit für alle Lehrkräfte der Sekundarstufe II ein wesentliches Ziel sein; sie muss als ein wichtiger Gewinn für die Lehrerschaft kommuniziert werden.
Aus unserer Sicht ist im Übrigen selbstverständlich, dass funktionierende Bildungszentren auch eine Angleichung der Arbeitsbedingungen aller auf der Sekundarstufe II tätigen Lehrkräfte bedingen.
In anderen Worten: Es darf keine Verlierer geben; alle Beteiligten müssen gewinnen, damit sie mitziehen.
(1.4 und 1.7)
Bildung auf der Sekundarstufe II muss heute im Bewusstsein geplant werden, dass diese Stufe für alle Jugendlichen einen geeigneten Bildungsgang anbieten muss. Zusammenarbeit zwischen Berufsbildung und Mittelschulen (inkl. DMS bzw. künftige Berufsfachschul-Ausbildungsgänge) und die Anerkennung auch von kombinierten Bildungswegen ist darum ein zentrales Ziel.
Die Zusammenarbeit bietet Chancen, etwa
- beim Abbau von Vorurteilen,
- bei der Aufwertung von - je nach Blickwinkel - dualer Ausbildung und schulischer allgemeiner Bildung,
- beim besserer Zugang von neuen Schichten zur Berufsmaturität,
- Synergien im Bereich Unterricht wie im Freizeitangebot (gemeinsame Anlässe)
Gleichzeitig gilt es aber auch, Gefahren zu begegnen, etwa
- Überforderung der beteiligten Lehrpersonen und Konkurrenzsyndrome,
- "Sparerwartungen" der Behörden
- Mehrarbeit für Lehrkräfte und Schulleitungen, vor allem administrativer/schulorganisatorischer Art,
- Schwierigkeiten und Verunsicherung im Bereich Schulentwicklung.
Um die Chancen zu wahren braucht es u.a. tatkräftige politische und finanzielle Unterstützung von aussen, sprich von den Behörden, sowie innovative Führung und kreatives Personal.
Für zukunftsfähige Bildungszentren genügt eine nur administrative oder geographische Nähe nicht. Entscheidend wird sein, ob auch eine bildungsfreundliche neue Lernkultur im Bildungszentrum entsteht. Darunter verstehen wir weder einen Eintopf noch eine kulturelle Wüste, sonderneine Vielfalt von profilierten Lerngruppen in einer gemeinsamen Sek-II-Kultur.
Zu einer solchen Lernkultur gehören Transparenz für alle Beteiligten, Orientierungshilfe und Beratung für die Jugendlichen bzw. Erwachsenen und insbesondere Profilbeschreibungen der verschiedenen möglichen Bildungswege.
Das Konzept Bildungszentren ist aber solange ein Rumpf-Konzept, als nicht auch die Profile der Mittelschulen (und der DMS) mitgeplant werden. (Was natürlich - wie bei den Berufsschulen auch - nicht heisst, dass alle Mittelschulen ihr Profil erst finden müssen.)
(3.1.)
Wir sprechen uns für eine transparente, etappenweise, aber zügige Realisierung des Projekts aus, sobald die Profile und Kriterien klar kommuniziert sind.
Wie oben bemerkt, fehlt in der Planung die nötige Zeit für das Gespräch zwischen Behörden und betroffenen Lehrkräften. Im Übrigen wird langfristige Schulentwicklung nötig sein.
(3.2.)
Der Start der drei Pilotzentren hat Vorrang, auch wenn noch nicht alle neuen Berufe zugeteilt sind.
(4.)
Die Projektunterlagen weisen Mängel auf, die der Sache und der demokratischen Meinungsbildung abträglich sind. So vermisst man z.B. bildungspolitische Begründungen für Bildungszentren auf der Sekundarstufe II, etwa die Implikationen für Bildungsinhalte und -qualität. (vgl. Bemerkung zu Punkt 1)
Das Kapitel 3.1.4. (Entwicklungen im Bildungsbereich) ist z.B. rein strukturell-administrativ orientiert, zu kompilativ und nimmt mit keinem Wort Bezug auf das Reformprojekt als Ganzes.
Auch wenn hier nur ein Teilprojekt vorliegt, dürfte das "Projekt Bildungszentren" nicht derart aus den Augen geraten, wie es bei den Diskussionen um diese Vorlage vielerorts deutlich wird. (Zumal manche Kreise, die nicht Insider sind, das Projekt nicht kennen, geschweige denn sich damit auseinandergesetzt haben.)
Wer den Sinn des Gesamtprojekts nicht versteht, kann auch den Teil "Leistungsauftrag" nicht nachvollziehen und wird dessen zahlreiche Lücken und ungesicherten Annahmen ins Zentrum stellen und bewahrend-defensiv reagieren.
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