Dezember 2000/Januar 2001

 

Stellungnahme der LKB zur Arbeitszeitstudie

 

  1. Vorbemerkung
  2.  

    Die LKB (Lehrerinnen- und Lehrerkonferenz der Berufsschulen des Kantons Zürich) ist grundsätzlich der Ansicht, dass die vom Regierungsrat in Auftrag gegebene Studie ein Schritt in die richtige Richtung war, und sie bedankt sich in diesem Sinne sowohl beim auftraggebenden Bildungsdirektor Professor Dr. E. Buschor als auch beim ausführenden Projektleiter, Herrn Professor Forneck für die geleistete Arbeit.

     

    Die Resultate der von Prof. Forneck durchgeführte Studie belegen wissenschaftlich, dass an den Zürcher Berufsschulen die Pensen zu hoch sind. Obwohl die Methodik der Studie konservativ angelegt war (d.h. im Zweifelsfall nach unten korrigiert wurde), zeigen die Ergebnisse Belastungen auf, die noch über der vom LCH durchgeführten Studie liegen. Damals wurde argumentiert, die LCH-Studie sei ein Gefälligkeitsgutachten im Sinne der Lehrkräfte-Organisationen. Die aktuelle Studie von Prof. Forneck ist wissenschaftlich neutral, sie wurde von der Zürcher Regierung in Auftrag gegeben und sie straft die gegen die LCH-Studie vorgebrachten "Argumente" Lügen.

     

  3. Analyse mit Berücksichtigung der Spezifika an den Berufsschulen

 

2.1 Die von der Studie in Bezug auf die Berufsschulen erhobenen Daten stellen keine repräsentative Stichprobe dar (rein zufällige Zusammensetzung der befragten Lehrkräfte).

 

2.2 Die Mittelschullehrkräfte sind gegenüber Berufsschullehrkräften übervertreten (MS 14,6 % gegenüber BS-GIBS 6,0 %.) Man kann dies so interpretieren, dass die meisten Berufsschullehrkräfte derart belastet sind, dass ihnen die Zeit und Energie zur Teilnahme an dieser Erhebung fehlten.

 

2.3 Die Datenerhebung bei den MS ist durch einen Aufruf des MittelschullehrerInnen-Verbandes (MVZ) systematisch verzerrt worden. Er hat seine Mitglieder im Informationsbulletin 1 / 2000 aufgefordert, bei Teilpensen den zeitlichen Aufwand auf ein Vollpensum hoch zu rechnen.

 

2.4 Die Lehrkräftestatistik weist per Ende 1998 bei den kantonalen Mittelschulen einen Anteil von Hauptlehrpersonen von 37,4 % auf; bei den kantonalen Berufsschulen liegt der HauptlehrerInnenanteil lediglich bei 22,2 % . Die an der Erhebung Teilnehmenden weichen in der Zusammensetzung "Hauptlehrkräfte / Lehrpersonen" stark von der real existierenden Zusammensetzung ab.

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5. Es erstaunt deshalb nicht, dass die von der Forneckstudie erhobenen Jahresarbeitszeiten für MittelschullehrerInnen höher sind als diejenigen der Berufsschullehrkräfte.

 

2.6 Die Ergebnisse stehen denn auch im Gegensatz zur Landert-Studie des Lehrerdachverbandes LCH von 1998, bei der die Berufsschullehrkräfte die höchsten Arbeitszeiten aufwiesen. Diese Studie ist insofern aussagekräftiger, als die Erhebung über ein ganzes Jahr erfolgte, und die TeilnehmerInnen auf Grund einer repräsentativen Stichprobe ausgewählt wurden. Zudem bestand bei der Landert-Studie für einzelne Lehrergruppen kein Legitimationsdruck, der Verwaltung zu "beweisen", wie hoch ihre Arbeitszeit sei.

 

2.7 Der Hauptschwachpunkt bei der Forneck-Studie besteht aber darin, dass er gar nicht auf die spezifischen Bedingungen eingegangen ist, unter denen Berufsschullehrkräfte arbeiten:

 

2.7.1 Im Unterschied zu den Mittelschulen vermitteln die Berufsschuleneine duale, d.h. berufsbegleitende Ausbildung.

 

2.7.2 Da die Berufsschulen nicht selektionieren können (jeder Auszubildende mit einem Lehrvertrag hat Zugang) ist die Zusammensetzung der Schülerschaft sehr heterogen (u.a. grosse Unterschiede in der schulischen Vorbildung, hoher Anteil an fremdsprachigen SchülerInnen)

 

2.7.3 Damit sich ein Lernerfolg einstellt, werden an die pädagogischen und didaktischen Fähigkeiten der Lehrkräfte an Berufsschulen hohe Anforderungen gestellt. Nur mit Individualisierung des Unterrichtes und durch vielfältige Lernformen lassen sich Lernfortschritte erzielen. Die Verantwortung für das Versagen kann nicht einfach mit strengen Noten und Selektion auf die SchülerInnen abgeschoben werden, wie dies häufig an Mittelschulen geschieht.

 

2.7.4 Der Unterricht unterliegt einem hohen Innovationsdruck (strukturelle und technologische Wandlungen in der Wirtschaft). Dies bedingt eine permanente individuelle fachliche Weiterbildung der Lehrkräfte und eine Schulentwicklung, um den neuen Bedürfnissen der Wirtschaft Rechnung zu tragen. Für den Latein- oder Mathematik-Unterricht an Mittelschulen hingegen muss nicht ständig das Rad neu erfunden werden.

 

2.7.5 Um die Qualität des Berufsschul-Unterrichtes hoch zu halten und ständig zu verbessern, sind die Berufsschulen insbesondere auf kompetente Fachlehrkräfte angewiesen, die neben dem Unterrichten zum Teil in der Wirtschaft als Fachleute tätig sind. So ist zwar die Verbindung zwischen Theorie und einer sich rasch wandelnden Praxis garantiert, aber der Preis dafür ist, dass diese Lehrkräfte neben ihrem Wirken in zwei Tätigkeitsfeldern ihre Unterrichtsmittel permanent weiterentwickeln müssen (Anschluss an den wirtschaftlichen und technischen Fortschritt). Diese Lehrkräfte sind einem Leistungsdruck ausgesetzt, wie er an Mittelschulen nicht existiert.

 

2.7.6 Da die Forneck-Studie solche qualitativen Merkmale nur unzureichend berücksichtigt, erfasst sie die tatsächliche Belastung von Berufsschullehrkräften bei weitem nicht.

 

3. Folgerung

 

Aus der oben dargelegten Wertung der Studie von Prof. Forneck ergibt sich klar die Konsequenz, dass die Unterrichtspensen an den Zürcher Berufsschulen reduziert werden müssen. Es ist der von allen gewünschten Schulqualität absolut abträglich, wenn die Arbeit mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen von gestressten und überbelasteten Lehrkräften durchgeführt werden muss. Durch all die unzähligen Sparmassnahmen der letzten Jahre wurden die Lehrkräfte und die SchülerInnen immer grösseren Belastungen ausgesetzt und zugleich das Lohnniveau real abgesenkt (insbesondere auch die Einstiegslöhne, welche für die Zukunft und die Attraktivität des Berufs wichtig sind). Ganz speziell sei hier auch auf die fatalen Folgen der Klassenvergrösserung für SchülerInnen und Lehrkräfte hingewiesen. Wenn im Sektor der Berufsschulen eine sich bereits abzeichnende katastrophale Situation des Lehrkräftemängels verhindert bzw. bekämpft werden soll, dann ist es eine unabdingbare Notwendigkeit, die Arbeitsbedingungen und die Lernbedingungen schnell zu verbessern und wieder ins Lot zu bringen. Die insgesamt positive Wirtschaftslage ermöglicht ein solches Handeln ohne weiteres.

 

  1. Angemessene Massnahmen

 

Die VertreterInnen der LKB fordern aus den oben dargelegten Gründen die Bildungsdirektion und den Gesamtregierungsrat dringendst dazu auf, die Resultate der Studie von Prof. Forneck ernst zu nehmen und in Form einer allgemeinen Pensenreduktion an den Berufsschulen die angemessenen Konsequenzen zu ziehen. Absolut unangebracht ist es, den Lehrkräften als Folgerung der hohen Abweichungen in der Jahresarbeitszeit vorzuschlagen, ihre Arbeitstechnik zu verbessern. Eine solche Aussage ist zynisch und ist der Situation keinesfalls angemessen. Es geht hier nicht um ein billiges Abwimmeln berechtigter Forderungen, sondern um das Wohl und die Zukunft der Zürcher Berufsschulen. Die Lehrkräfte geben heute ihr Maximum und es ist sowohl volkswirtschaftlich als auch staatspolitisch keinesfalls klug, den Bogen soweit zu überspannen, bis er bricht. Die Verbesserungen der Arbeitsbedingungen in Form einer generellen Pensenreduktion an allen Berufsschulen muss zügig angepackt und fair umgesetzt werden. Zugleich müssen die Klassengrössen wieder auf ein vertretbares Mass reduziert werden. Beide Massnahmen dienen letztlich der Volkswirtschaft des Kantons Zürich.

 

Für den Vorstand der LKB

Die Präsidentin

Dr. Margrith Gysel

 

geht an:

Professor Dr.E. Buschor, Regierungsrat

Dr. M. Escher, Amtschef MBA

 

Zur Kenntnisnahme an:

Pof.. Dr. Herrmann J Forneck

Präsident der SLK der Berufsschulen Dr. Mathias Zimmermann

Präsident des MVZ Stefan Aebischer

Präsidentin der VLV Lilo Lätzsch