An die Bildungsdirektion des Kantons Zürich
Mittelschul- und Berufsbildungsamt
R. Anderhub
Kaspar Escher-Haus
8090 Zürich
26. Februar 1999
WIF!-Projekt 15, Berufsschulreorganisation: Vernehmlassung
Sehr geehrte Damen und Herren
Die Lehrerinnen- und Lehrerkonferenz der Berufsschulen (LKB) nimmt zu den Vorschlägen der Berufsschulreorganisation wie folgt Stellung:
Allgemeine Überlegungen
Die LKB teilt die generelle Analyse der Tendenzen in der Berufsbildung und die daraus gezogenen Schlussfolgerungen, die dem Projekt Reorganisation zu Grunde liegen. Sie ist ebenfalls der Meinung, dass die heutigen Schulstrukturen - aber nicht nur diese - den künftigen Erfordernissen in der Berufsbildung nicht genügen.
Die LKB geht bei ihren Überlegungen nicht von der Perspektive einzelner Schulen aus, sondern von der zentralen Frage nach der Verbesserung der Ausbildungsqualität insgesamt, also mit einem bildungspolitischen Ansatz und nicht mit "Kirchturmpflege-Denken". Es braucht eine Vision für die Schule von morgen - oder Ansätze dazu - als Ausgangspunkt.
Die strukturellen Probleme vor allem der regionalen Schulen sind nicht neu; erinnert sei Schlussbericht 95 zur Berufsschulreorganisation. Die Berufsschulen im Kanton Zürich sind bezogen auf die heutige Zeit gut geführt, verfügen über einen leistungsfähigen Lehrkörper und sind technisch angemessen ausgerüstet. Dennoch besteht Handlungsbedarf, denn für eine ganze Anzahl von Entwicklungen, die in Gesellschaft und Wirtschaft sichtbar sind und in konkreten Reformen teilweise schon auf die Berufsbildung und die Berufsschulen zukommen, sind die Schulen nicht gerüstet. Wir denken z.B. an die Modularisierung der Weiterbildung und auch von Berufslehren, an die Rationalisierung und an den raschen Wandel der definierbaren Arbeiten in industriellen Berufen u.a.m.
Wir begrüssen es, dass die Regierung nun über die klassische Zuteilung von Berufen hinaus geht und umfassende bildungspolitische Ziele setzt und transparent macht.
Frage 1: Bevorzugte Variante
Die LKB lehnt Variante 1 (Schulverbände mit Referenzschulen) als völlig untauglich ab; es sind darin keine zukunftsfähigen qualitativen Fortschritte erkennbar.
Die LKB lehnt auch die Variante 2 (Bildungszentren) ab.
Diese Variante überzeugt zwar in Bezug auf die bildungspolitische Stossrichtung, die dahinter steht; doch betrachten wir zahlreiche der vorgeschlagenen Massnahmen zur Erreichung dieser Ziele als nicht geeignet, nicht praktikabel, zu wenig durchdacht, lückenhaft oder gar widersprüchlich.
An deren Stelle schlägt die LKB vor, im Rahmen von Pilotversuchen, die dieser bildungspolitischen Zielsetzung verpflichtet sind, Erfahrungen "bottom-up" zu sammeln. Nur so, meinen wir, kann ein fundierter Vorschlag zur Verallgemeinerung entstehen und verwirklicht werden.
Frage 2: Positive Aspekte von Variante 2 (Bildungszentren)
Die LKB befürwortet darum die mittel- und langfristigen Zielsetzungen in Variante 2, betrachtet aber die Schritte dahin als noch unausgereift. Dementsprechend sehen wir bei Variante 2 nur im Bereich der Zielsetzungen positive Aspekte:
Es sind dies insbesondere
- die Stärkung der strukturellen Verbindungen innerhalb der Sekundarstufe II und im Besonderen die strukturelle Zusammenführung von GIBS und KBS. Sie eröffnet neue Möglichkeiten zur Förderung der Durchlässigkeit für Auszubildende und Lehrende zwischen Schultypen und Bildungszügen.
- die Schaffung von regionalen Bildungszentren, welche ermöglicht und verlangt, dass Bildungsangebote auch inhaltlich variiert bzw. angenähert werden.
- der Blick auf die Sekundarstufe II als Ganze, einschliesslich Weiterbildung. Er ist wichtig, um Jugendlichen und Erwachsenen, die ihren Weg zu Beruf oder Studium suchen, mehr Bildungschancen, bessere Orientierung und verkürzte Bildungswege zu verschaffen.
- das Anstreben von Synergien und Qualitätsverbesserungen mit regionalen Bildungszentren. Sie sind in allen Bereichen denkbar, insbesondere auch im Bereich Weiterbildung, Lehrpersonenweiterbildung, Einsatz der Lehrkräfte, Raumangebot, Schuladministration.
- die Stärkung der Weiterbildungsangebote der öffentlichen Hand auch in den Regionen. Die Schulen sind hier u. E. besonders gefordert, für breite Kreise zugängliche Kurse und Lehrgänge anzubieten, und zwar berufliche Weiterbildung im engen wie im weiteren Sinn und sowohl niederschwelliger wie anspruchsvoller Art.
- die bessere Verankerung der Sekundarstufe II bei der Bevölkerung durch eine lokal ausgerichtete Bildungsphilosophie. Sie kann damit einen aktiveren Beitrag in den Regionen leisten.
- der Abbau von Vorurteile und Berührungsängste zwischen den Schulen und Lehrkräften der Sekundarstufe II.
Frage 3: Vorbehalte gegenüber Variante 2 (Bildungszentren)
Die Vorbehalte gegenüber Variante 2 betreffen zahlreiche vorgeschlagene Massnahmen, die u.E. zur Erreichung dieser Ziele ungeeignet oder noch zu wenig durchdacht sind. Insbesondere:
- ist der Anspruch "Gesamtkonzept" nicht eingelöst, wenn gewichtige Bereiche "noch nicht geregelt" sind. Die Reorganisation nach Variante 2 scheint uns noch zu sehr vom Widerstand der Rektorinnen und Rektoren geprägt, z.B. was Unklarheiten, Verwässerungen, Auslassungen angeht.
- droht mit der - nicht näher ausgeführten - Aufteilung der Berufsschule für Weiterbildung in Zürich eine Schwächung der Weiterbildung bzw. der BMS, womit das Gegenteil von sinnvoller Synergie erreicht wäre.
- sind die Verbindungen mit den allgemein bildenden Schulen der Sek-Stufe II unklar.
- ist der Konkretisierungsgrad der Vorschläge in mancher Beziehung zu gering, um Chancen und Risiken seriös abwägen zu können.
- fehlen Überlegungen zu zentralen Fragen, etwa: Wie sollen Schulen mit unterschiedlicher Trägerschaft konkret verknüpft werden? Was für finanzielle Einsparungen, was für Investionen sind geplant? Wer finanziert, wer verliert? Was für konkrete Risiken bestehen generell für die Qualität der Ausbildung, was für soziale Risiken für Auszubildende und Lehrende?
- ist unverständlich, dass in dieser Projektphase bereits personelle Besetzungen vorgenommen wurden.
Damit Variante 2 im erwünschten Sinn wirksam werden kann, müssten jedenfalls folgende Bedingungen erfüllt sein:
• Synergien sind ein Mittel und nicht das Ziel der Reorganisation; d.h. sie dürfen nicht als Bildungsabbau missverstanden werden können, sondern sollen im Gegenteil für Lehrende und Lernende zu Verbesserungen führen. Die Verbesserung der Ausbildungsqualität und nicht die Idee des Sparens muss also bei allen Entscheiden im Vordergrund stehen; dazu gehört unabdingbar die Förderung der Schulen auch als Arbeitsplatz und die Sicherung der Professionalität der Lehrkräfte. Lediglich verwaltungsmässige organisatorische Zusammenführungen genügen diesem Ziel erfahrungsgemäss nicht.
• Die LKB erkennt, dass das übergeordnete Ziel einer durchlässigen Sekundarstufe II mehr und mehr zur zentralen Chance wird, die Bildung generell und die Berufsbildung im Speziellen aufzuwerten. Gefördert werden könnten so z.B. die Vielfalt der Angebote, sinnvoller Austausch und Synergien in verschiedensten Bereichen. Für die Lehrkräfte könnten endlich eine effektive Gleichstellung aller erfolgen, die gleiche Ausbildung haben und gleiche Arbeit leisten. Es würde nicht mehr angehen, dass Lehrer an der selben Schule verschiedene Anstellungsbedingungen hätten.
• Die Perspektive "regionale Bildungszentren" muss wegleitend sein bei kurzfristigen wie langfristigen Entscheiden und Massnahmen, und zwar verstanden als Bildungszentren, die die ganze Sekundarstufe II einbeziehen, also auch die Mittel- und Diplom- bzw. Handelsmittelschulen.
• Es muss gewährleistet sein, dass die betroffenen Schulen bzw. Lehrkräfte in Meinungsbildung und Entscheidfindung einbezogen werden und dass die Zusammenführung von Schulen keinen Abbau der Mitsprache der Betroffenen nach sich zieht.
Frage 4: -
Frage 5: Realisierung
Die lokale Zusammenfassung der ganzen Sekundarstufe II erfordert einen offenen Prozess unter Einbezug der beteiligten Schulen und Lehrkräfte.
Generell gilt:
- Man kann nicht unter dem Weihnachtsbaum zwei bisher autonome Schulen ohne ein Gespräch miteinander verschmelzen. So wird unter allen Betroffenen die Reformfreudigkeit ins Gegenteil verkehrt.
- Bei einer solchen Reorganisation kommen nie alle ungeschoren davon, jemand wird den Pelz immer nass bekommen. Man kann allfällig nötige Opfer aber transparent machen und sie zu kompensieren versuchen.
- Die Schaffung von Bildungszentren ist nicht gratis. Es gibt keine billigere Lösung als die bestehende.
- So braucht es Zeit, um einen Prozess zu durchlaufen. Es gilt, Berührungsängste zwischen den einzelnen Schulen abzubauen, z.B. KBS-GIBS. Es gilt, sich mit der Vorstellung auseinanderzusetzen, dass man miteinander führen könnte.
- Es gilt auch regionale Verankerungen und Bedürfnisse und gewachsene Strukturen zu berücksichtigen und seriös und sorgfältig zu überprüfen.
- Möglicherweise kann man nicht bereits jetzt eine Gesamtlösung für alle bringen.
Die LKB schlägt darum vor, mit Pilotversuchen im Sinne der Variante 2 Erfahrungen zu sammeln. Es scheint ihr sinnvoll, an einem Schulstandort mit genügend Zeit und fachgerechter Evaluation ein Zusammenarbeitsmodell über die ganze Sekundarstufe II auszutesten, bevor an allen Schulen aufwendig, aber wohl konfliktreich experimentiert wird.
Denkbar sind Pilotversuche in etwa 2 Regionen, z.B. etwa in Uster, wo die Schaffung eines Bildungszentrums organisch seit 5-6 Jahren gewachsen ist. Schon dies wäre eine grosse Chance für eine Region.
Mit freundlichen Grüssen,
Dr. M. Gysel, Präsidentin der LKB