Vollversammlung 18. November 1999 in Winterthur
Begrüssung durch die Präsidentin Frau Dr. M. Gysel
Sehr geehrte Gäste, liebe Kolleginnen und Kollegen
Sie alle, Vertreter und Vertreterinnen der Politik, der Wirtschaft, der Verwaltung, der Schulen, sind heute hier, weil Ihnen unsere Berufsbildung ein wichtiges Anliegen ist. Ihre heutige Anwesenheit ist ein Ausdruck der fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen praktischer Ausbildung, Wirtschaft, Forschung und Lehre, um den Dialog zwischen allen beteiligten Partnern zu fördern, damit die Ziele gemeinsam formuliert und angestrebt werden können. Ich danke Ihnen allen für Ihr Engagement.
Berufsbildung ist nicht nur eine Möglichkeit, junge Leute von krummen Wegen abzuhalten , nach dem Motto "Better build schoolrooms for the boy than cells and gibbets for the man" (Eliza Cook:" a song for the ragged schools"). Frei übersetzt etwa: "Gebt das Geld lieber aus, die Jungen auszubilden und ihnen damit Perspektiven für ein anständiges Leben zu öffnen als sie später in Gefängnisse einsperren zu müssen".
Unsere duale Berufsbildung ist zwar historisch aus den Gegebenheiten und Bedürfnissen vergangener Zeiten herausgewachsen. Der soziale Auftrag der Berufsbildung ist sicher auch heute nach wie vor wichtig. Ich denke da vor allem auch an die Anstrengungen zur Integration von fremdsprachigen Jugendlichen und von schulisch Schwächeren in der Berufswelt.
Berufsbildung ist aber heute auch, und noch in viel stärkerem Masse als früher, Garant für die Zukunft unserer Wirtschaft, für das Wohlergehen unseres Landes schlechthin. Die hohe Qualität unserer Berufsbildung- Grundausbildung und Weiterbildung- ist zentral, und wir müssen alles unternehmen, sie auch in Zukunft auf dem international anerkannt hohen Niveau zu halten. Man kann sich nicht darauf verlassen, dass, wie dies gewisse Politiker heute tun, erreichte Qualität ein für alle mal gesichert bleibt, trotz schwerwiegenden Eingriffen von aussen. Sie muss immer von neuem erarbeitet und hinterfragt werden. Abbau ist ganz rasch bewerkstelligt. Aber verlorene Qualität kann nicht von einem Tag auf den andern wieder zurückgeholt, so quasi wieder hingezaubert werden. Dies ist die zentrale Sorge der Berufsschullehrerschaft, der wir gerade in der letzten Zeit immer und immer wieder Ausdruck verliehen haben.
Die grossen Anstrengungen bezüglich Berufsbildung auf eidgenössischer Ebene im Rahmen des neuen BBG sind sicherlich sehr wichtig, auch wenn noch nicht alle Probleme, namentlich die der Schnittstellen und damit einer umfassenden Durchlässigkeit auf der Sekundarstufe II gelöst sind und auch die finanzielle Lastenverteilung zwischen Bund und Kantonen noch nicht abschliessend geregelt ist. Wir schätzen auch die Anstrengungen, die für die Schaffung von neuen Lehrstellen auf Bundes-und Kantonsebene unternommen worden sind.
Wir meinen aber, dass in der Berufsbildung ohne das grosse Engagement der Lehrerschaft gar nichts läuft. Wir glauben, dass wir gute Arbeit leisten. Wir sind auch im raschen Fluss der vielen Neuerungen, die auch das Berufsbildungswesen in den letzten Jahren erfasst hat, nicht einfach mitgeschwommen oder haben uns, Rettung suchend, an der altvertrauten Böschung angeklammert. Wir sind überzeugt, dass nur bestehen kann, was sich ändert, was im Fluss ist, und ich meine, dass die Berufschullehrerschaft das Boot bestiegen hat, um auch innovativ und kreativ mitzubestimmen, wohin die Reise gehen soll. Wir sehen aber auch die Grenzen der Innovationslust und stehen nach wie vor dafür ein, dass auch in Zukunft unseren Auszubildenden eine hohe Qualität von staatlich getragener Aus- und Weiterbildung gesichert bleibt.
Neuerungen und Veränderungen sind wichtig und nötig und auch wir Lehrer wollen nicht stehen bleiben. Wir möchten aber auf der Baustelle "Berufsbildung" nicht nur Handlanger sein. Wir müssen auch die nötigen Werkzeuge, Kompetenzen und Rahmenbedingungen haben, damit wir verantwortungsvoll und engagiert an einem Bau mitwirken können, der nicht bald wie ein Kartenhaus in sich zusammenfällt oder vom nächsten starken Wind mitgerissen wird. Die Schule ist auch ein Arbeitsplatz. Deshalb gehören zu den Reformen und zum Fortschritt auch eine zeitgemässe Anstellung der Lehrer, d.h. eine angemessene Arbeitszeit, Mitsprache- und dringend Weiterbildungsmöglichkeiten. Wesentlich trägt auch ein positives Betriebsklima ohne unnötige Hetze und Stress zur Innovationsbereitschaft bei. Wir wollen auch nicht, dass Lehrer und Lehrerinnen sich "abmelden", weil sie sich allein gelassen oder nicht Ernst genommen fühlen. Denn von der engagierten Arbeit jedes Einzelnen hängt die Qualität des Ganzen ab. Und wir wollen letzlich weiterhin eine Arbeit verrichten, hinter die wir voll und ganz stehen können, nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen.
"Qualität unserer Berufsbildung heute und in Zukunft " ist deshalb das zentrale Thema unserer heutigen 32. ordentlichen Vollversammlung der Lehrerinnen-und Lehrerkonferenz der Berufsschulen des Kt. Zürich. Ich erkläre sie hiemit als eröffnet.
Dr. M. Gysel, Präsidentin LKB