Berufsbildung: An den Rändern viel Neues
Noch können die Arbeitgeberverbände behaupten, in der Berufsbildung werde sich alles schon ergeben, wenn man den Unternehmen freie Hand lasse. Dabei bieten schon fünf Sechstel aller Betriebe keine Lehrstellen mehr an! Was braucht es noch, damit auch von dieser Seite klare Signale kommen, dass sie für Neuerungen zu haben sind? Und doch: Es entsteht Neues, das bemerkenswert ist. Und immer sind an vorderster Stelle Unternehmen dabei. - Die Lehre erneuert sich an den Rändern.
Nur noch 21,5 Prozent der Betriebe in Industrie und Gewerbe machten 1995 bei der beruflichen Grundausbildung mit, und im Sektor Dienstleistungen waren es gar mikrige 13,8 Prozent! 1 Und seither sind diese Zahlen bestimmt nicht erfreulicher geworden.
Für Max Fritz, Vizedirektor des Schweiz. Arbeitgeberverbandes, hat das aber nichts zu tun mit abnehmender Ausbildungsbereitschaft der Betriebe und Unternehmungen oder mit einem überholten Berufsbildungssystem. Jedenfalls seien dies «nicht die Hauptursachen». 2
Abgewiegelt wird wohl oft, um öffentliche «Einmischungen» und Ansprüche von vornherein abzuhalten. Den Medien, die ans Thema rühren und sich dabei nicht mit Werbeprospekt oder PR-Text begnügen, wird «Panikmache» vorgeworfen. Ist Schönfärberei aber legitimer? Die Verbände sind offenbar noch wenig unter Druck und zu weit weg von den sozialen Realitäten. Das sind schlechte Vorzeichen für einen Schritt nach vorn in der beruflichen Grundausbildung, spielen doch auch hier die grossen Verbände und ihre Dachorganisationen wie Vorort und Gewerbeverband noch immer eine Schlüsselrolle: als Vernehmlassungspartner und durch ihre politischen Lobbies.
Auch beim Arbeitgeberverband der Maschinenindustrie (ASM) wurde Geheimhaltung gegenüber der Öffentlichkeit gross geschrieben, solange intern die Diskussion noch im Gange war. Immerhin gilt nun aber die Reform der ASM-Lehren in breiten Kreisen als vorbildlich, und dieser Verband ist denn auch die grosse Ausnahme von der Regel, dass die Lehre sich erst an den Rändern erneuert. 3 Eine weitere Einschränkung sei zugestanden: Bestimmt ist dem Verfasser nur ein Teil von dem bekannt, was in der Berufsbildung an Neuerungen berichtenswert wäre. Erlaubt sei aber auch die Frage an die Verbände: Wäre es nicht ziemlich wichtig, die Berufsschulen und die Öffentlichkeit seriös auf dem Laufenden zu halten? 4
Hier denn der Versuch, einige deutliche innovative Trends in der Berufsbildung zusammenzustellen. Dabei bleibt die Frage, ob sie Qualität und Attraktivität der Lehre wirklich verbessern werden, in vielem natürlich offen.
Neue "Berufe"
Sowohl die Jugendlichen wie die Unternehmen suchen heute neue anspruchsvolle Berufsausbildungen, die eine weniger spezialisierte berufliche mit mehr allgemeiner Bildung kombinieren.
So wird etwa geschätzt, dass 400 von 6-700 Interessenten pro Jahr sich als Auszubildende im Informatikbereich eignen würden - Lehrstellen gibt es für sie aber nur 100. (Zürcher Lehrmeistervereinigung ZLI)
Weil sich Berufsgrenzen heute zum Teil sehr schnell und radikal auflösen, so dass Fachleute sogar den eher ungeliebten Begriff Entberuflichung brauchen, orientieren sich neue Berufsausbildungen nicht mehr an einzelnen Berufen im klassischen Sinn, sondern an - oft ganz neuen - Berufsfeldern.
Nicht nur die ASM-Berufe, sondern etwa auch die neuen Berufe in der Druckindustrie (Viscom, Polygraf) sind dafür prominente Beispiele. Auch im Bereich Informatikberufe hat sich eben erst eine neue schweizerische Lehrmeistervereinigung vorgestellt, die die bisherigen kantonalen Zusammenschlüsse sowie die AVBIA und die SIGMEDIA vereint. 5
Besonders dort, wo Ausbildungen und Verbände, die sie tragen könnten, fehlen, ist das BBT heute bereit, aktiv zu werden. Dies signalisierte das Bundesamt im letzten November mit einer öffentlichen Tagung über «Neue Berufe» in Zürich. Vorgestellt wurden dort die neuen Lehren Informatiker (ASM), Multimediahändler (VSRT), Mediamatiker (SIGMEDIA), Elektro-Telematiker (VSEI) und Multimedia-Informatiker (TBZ).
Den Trend zur berufsübergreifenden Grundausbildung zeigt sich also auch im Gewerbe, z. B. in der Elektrobranche, für die VSEI-Präsident Alfred Schlosser im April feststellte, dass eine "fachrichtungsbezogene Berufslehre an der Basis einer gemeinsamen Grundausbildung" geplant werde als Vorbereitung auf eine spätere Spezialisierung. "Die Branche muss vermehrt zu verschiedenen Formen der Zusammenarbeit mit Berufskollegen bereit sein." 6
Dank "Facts" schon berühmt geworden, obwohl erst im Entstehen, ist der "Beruf" Mediamatiker/in, der im nachfolgenden Kurzinterview vorgestellt wird. Er ist eine typische neue Ausbildung dieser Art.
Die Mediamatik-Ausbildung zeigt insbesondere, dass für die Wachstumsbereiche der Informationsgesellschaft die herkömmliche Trennung zwischen kaufmännischen und technischen Tätigkeiten überholt ist. Das wird Auswirkungen auf die Schulstrukturen und auf die Lehrpersonenausbildung haben müssen; wenn gegenwärtig gewerblich-industrielle und kaufmännische Berufsschulen örtlich und organisatorisch da und dort zusammengeführt werden, ist das ganz in diesem Sinn.
Kürzere Lehren, weg vom fixen Schulrhythmus
Für moderne Lehren gilt heute weitherum eine Dauer von drei Jahren als geeignet für einfache wie für anspruchsvolle Lehren. (Auch an den Gymnasien schliesst die Sekundarstufe II ja im 19. Altersjahr ab.)
Mehr und mehr kommt man vom fixen Takt der 1 - 2 Tage Berufsschule ab. Man legt - vor allem bei anspruchsvolleren Lehren - an den Anfang mehr Schule und Theorie als bisher und später mehr Praxis. (Vgl. Kasten zur Reform der "KV-Lehre".)
Die Konzentration von Unterricht an schulischen oder berufsübergreifenden Blockkursen, genannt Basisjahr oder Basiskurs, wird vom BBT her befürwortet, auch wenn sie nicht kostenneutral sein kann. So betont Heinrich Summermatter: "Wir müssen dazu stehen, dass wir zusätzliche Anstrengungen unternehmen müssen, um den Jugendlichen den Berufseintritt zu ebnen (...) Wir kommen im Zusammenhang mit der Tertiarisierung der Wirtschaft nicht darum herum, in manchen Berufen mehr theoretisches Wissen zu vermitteln. Dies geschieht nun einmal sinnvollerweise an Schulen und nicht am Arbeitsplätzen." 7
Ein Problem stellt aber offenbar (noch) die Frage, ob und wie solche Formen des Berufseinstiegs mit dem Lehrvertrag verbunden werden. (Das Basisjahr wird erst nachträglich an die Lehre "angerechnet".)
Nicht nur Eliteberufe
Dieselbe Frage stellt sich ja auch beim Berufseinstieg in einfachere Lehren, wo Dutzende von unterschiedlichen Lösungen für den Übergang Volksschule - Berufslehre kursieren. (Vorlehren, 10. Schuljahre, Berufswahljahre, Anlehren usw.) Diese "Brückenangebote" sind ungenügend, unübersichtlich und oft ineffizient, wohl nicht zuletzt mangels Anerkennung von seiten der Berufsbildung. Wer anders als das BBT kann hier den Weg ebnen für eine Regelung, die fair und vertrauenswürdig ist?
Denn ebenso gefragt wie Lehren für potentielle Mittelschüler/innen braucht es moderne Lehren mit Grundansprüchen. Ein Beispiel dafür ist der neue Mechapraktiker. 8 Auch für solche Lehren gilt: Attraktiv und gefragt sind sie, wenn sie nicht Sackgassen sind; das heisst, der Entscheid auch für solche Lehren muss korrigierbar bleiben, und nach dem Abschluss muss es einen Anschluss geben.
Wohl in Anlehnung an die neuen ASM-Berufe werden zuweilen zwei Anpruchsniveaus gebildet: Grundansprüche und erweiterte Ansprüche. Dies bietet Vorteile, wenn echte Durchlässigkeit in beiden Richtungen gefördert wird. (Zum Beispiel jährlich und wenn möglich auch pro Fachbereich)
Und: Nach einer ganz oder teilweise absolvierten Lehre kann auch ein Umstieg in eine verwandte Lehre oder in eine Vollzeitschule sinnvoll sein - wenn das Mitgebrachte möglichst fair angerechnet wird.
Mehrere Wege ermöglichen
"Es können mehrere Wege zu einer Qualifikation führen. Deshalb können Prüfung und Ausbildungsgang nicht mehr strikt in einer Linie gesehen werden." Ausbildungen müssten dann mehr mittels Zielvorschriften geregelt werden als mit den bisher üblichen Reglementen. Dies ist eine der Thesen, die für die BBG-Revision der vorbereitenden Expertengruppe vorliegt.
Im Vordergrund der Diskussion steht meist die vertikale Durchlässigkeit, die Öffnung des Zugangs zu den Fachhochschulen für Inhaber/innen einer allgemeinen Maturität. (Zu gewissen FH möchten auch die Diplommittelschulen einen Zugang) Für diesen Weg werden heute Kurzlehren eingerichtet, über die dann die Gleichwertigkeit zur Berufsmatura erreicht werden kann.
Der entsprechende Weg von der Berufslehre mit Berufsmaturität an die Hochschule führt künftig wohl über die Fachhochschule ins Aufbaustudium der jeweiligen Fachrichtung. (Oder wie bisher über die Maturität für Erwachsene) Offenkundig ist, dass die Berufsmaturität (noch?) nicht den privilegierten Status erreicht hat, den die allgemeine Maturität geniesst, nämlich ein Schlüssel zu sein für den weltweiten Zugang zu allen Hochschulfakultäten. Es bleibt ein Makel, dass die nicht auch für die BM gilt: Ein Schlüssel für den weltweiten Zugang zu allen Fachhochschulen
Mehr pädagogische Autonomie
Die Tendenz zu Zielvorschriften, dank denen die konkrete Ausgestaltung flexibler wird, ist nicht nur für die Ausbildungswege bedeutsam, sondern auch für die Inhalte der Ausbildung: Unterrichtet wird nicht mehr nach landesweit einheitlichen Stoffplänen, sondern nach Schullehrplänen, die auf einem nationalen Rahmenlehrplan beruhen. Im allgemeinbildenden und im Berufsmaturitätsunterricht und auch an den Gymnasien wird dies nun seit einigen Jahren schon geübt.
So wird es denn auch möglich, den Erwerb von sozialen, personalen und arbeitstechnischen Kompetenzen sowie projektorientierte Unterrichtssequenzen einzubeziehen, mehr Wahl- bzw. Wahlpflichtunterricht einzuführen und Unterrichtsinhalte vermehrt auf betriebliche Bedürfnisse auszurichten. Letzteres kann allerdings für allgemeinbildenden Unterricht nicht in gleicher Art gelten wie für berufskundlichen.
Auch Lehrabschlussprüfungen werden nur noch unter einheitlichen Rahmenbedingungen, inhaltlich aber dezentral organisiert, da sie sich natürlich auf das beziehen müssen, was gelehrt wurde. So wird auch vorstellbar, dass nicht alle Inhalte erst am Schluss der Ausbildung geprüft werden müssen und dass die Prüfung - wiederum wie der Unterricht - auch aus projektartigen Aufgaben bestehen und auch mündlich durchgeführt werden kann. ("Wer lehrt, prüft," ein Grundsatz, der bei der allgemeinen Maturität seit Generationen in Kraft ist.)
"Berufstheorie", "Allgemeinbildung"
Der wirtschaftliche Wandel hat aber noch weiter reichende Konsequenzen:
• Für qualifizierte Arbeit sind generell höhere Qualifikationen nötig. Der Bedarf an sehr gut ausgebildeten Menschen wächst.
• Sowohl fachliches Wissen im engen Sinn wie Allgemeinbildung im traditionellen, von der Anwendung abgehobenen Sinn verliert an "Nutzwert", jedenfalls in der Grundausbildung.
• Das bedeutet, dass in der Grundausbildung Berufstheorie allgemeiner wird und Allgemeinbildung anwendungsbezogener.
• Weiterbildung wird für immer mehr Menschen in allen Phasen des Arbeitslebens unverzichtbar; sie muss möglichst gezielt auf die berufliche Grundbildung aufbauen.
Es werden in der Lehre somit mehr und allgemeinere Kenntnisse und Fähigkeiten erwartet als Basis für wiederkehrende Weiterbildung. Im Übrigen ist die Vernachlässigung der Fremdsprachen an den gewerblich-industriellen Berufsschulen zentral für die geringere gesellschaftliche Wertung dieser Berufslehren.
Fazit
Grundbildungsjahr, Blockunterricht, Zwischenprüfung, zwei Leistungsniveaus, Kombination von kaufmännischer und technischer Ausbildung, breitere und dezentrale Abschlussprüfungen u. a. m. - eine ganze (unvollständige) Anzahl neuer Tendenzen, also, die - in neuen Ausbildungsbereichen wie in herkömmlichen - eine Aufwertung der Lehre bringen. Oder brächten: Denn noch steht vielerorts deren Umsetzung an, für die es Kraft braucht, konkrete Unterstützung an Ort von seiten der jeweils Verantwortlichen und finanzielle Mittel. Und: Es braucht Information an die Jugendlichen und deren Eltern, deren Urteil im Übrigen auch bei der Erneuerung des BBG und der nachfolgenden kantonalen Regelungen ihr Gewicht haben könnten...
Die beruflich Ausbildung steht unter dem grossen Druck der Lehrstellenknappheit, und hinter ihr die schwindende Akzeptanz in Gesellschaft und Wirtschaft.
Sie steht zugleich unter dem Druck eines grossen Bedarfs an Fachleuten. Sie hat aber gegenwärtig auch eine seltene Chance: Der Bund hat im 1. und nächstens im 2. Lehrstellenbeschluss bedeutende Mittel freigemacht, um nicht nur Studien für die Schubladen, sondern konkrete moderne Ausbildungen auf die Beine zustellen. Und das neue BBG, für das Ende Jahr voraussichtlich ein Entwurf vorliegt, wird nur dann modern, sozial und nachhaltig wirksam sein, wenn ein entsprechende politischer Wille geschaffen wird. - Dieser wird nicht zuletzt geschaffen durch jene, die nicht nur beschwörend und beschönigend auf bessere Zeiten vertrösten, sondern konkret mit interessanten Ausbildungen der Überzeugung nachhelfen, dass Bildung zu besseren Lebenschancen verhilft.
WILLY NABHOLZ, Redaktor "Blätter" und LKB-Vizepräsident
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Anmerkungen zu Berufsbildung: An den Rändern viel Neues
1
Dies geht aus den Betriebszählungen des Bundes von 1995 hervor.
Dazu: Langfristiger Rückgang der Ausbildungsbereitschaft der Wirtschaft, in: DBK (Hg.), Mediendienst Berufsbildung 4, 1998
2
DBK (Hg.), Mediendienst Berufsbildung 4, 1998
3
Zur ASM-Reform sind hier erschienen:
H. Krebser, Berufslehren in der Maschinenindustrie auf dem Sprung ins Jahr 2000, BLÄTTER 3, 1995, S: 4ff.
W. Nabholz, 7 neue Lehrberufe in der Maschinen-, Elektro- und Metallindustrie, BLÄTTER 12, 1996, S. 14f.
P. Brunner, Berufslehren in der Maschinenindustrie: Sprung ins Jahr 2000, BLÄTTER 2, 1997, S. 17f.
4
Als wir den Berufsverbänden vor einem Jahr einen regelmässigen Informationsaustausch via BLÄTTER vorschlugen, war das Echo mehr als gering...
5
Der Schweiz. Verband für Informatik-Berufsbildung betreut damit künftig die vier neuen Berufe Informatiker, Geräteinformatiker, Kaufmann mit Fachrichtung Informatik, Mediamatiker. Er hat sich der Öffentlichkeit in Zürich am 24. Juni vorgestellt.
Kontakt: A. Breu, 8908 Hedingen. Informationen über diese Lehren auf Internet: www.zli.ch
Vgl. auch Ch. Thomann, Neue Impulse durch die Informatik-Berufe, BLÄTTER 11, 1996, S. 15f.
6
Abschied vom Dorfelektriker, GPD 133, 6. April 1998
7
Attraktivitätssteigerung der Berufslehre durch Basiskurse, Panorama 3, 1998
8
Vgl. Ch. Thomann, J. Wolff, Mechapraktiker - ein Beruf zur richtigen Zeit, BLÄTTER, 8-9, 1997, S. 18