Neues Berufsbildunggesetz BBG:

BBT-Direktor Sieber informierte über aktuellen Stand

 

BBT-Direktor H. Sieber informierte am 18. Sept. 1998 in Aarau über den Stand der Arbeit am neuen Berufsbildungsgesetz (BBG). Er referierte anlässlich der DV des Dachverbands «Berufsbildung Schweiz BCH/FPS» (Lehrer/innen an gew.-ind. Berufsschulen). Hier einige interessante Punkte aus meinen Notizen als Zuhörer:

 

A) Themen mit Konsens

1. Berufskonzept

- Zahlreiche Berufsqualifikationen sind nur dual vermittelbar; duales/triales System ist effizient für die Abstimmung von Angebot und Nachfrage; es zeigt besseres Verhältnis von Aufwand und Ertrag für den Staat als rein schulische Ausbildung.

- Am Berufskonzept wird also festgehalten. Allerdings muss sich dieses weiterentwickeln.

 

2. BBG als umfassendes Rahmengesetz

- Es gibt legitime Interessensunterschiede zwischen Gewerbe, High-Tech- und Dienstleistungsbetrieben.

- In vielen Berufen nähern sich die erforderlichen Kompetenzen aber an. (Stichwort: Fach-, Sozial-, und Selbstkompetenzen)

- Berufswechsel werden immer mehr zur Regel.

 

3. Alle Berufsausbildungen unter ein Dach

- Alle Berufsausbildungen - ausser der akademischen und der Lehrerbildung - sollen auf Bundesebene geregelt werden, was Änderungen in der Bundesverfassung braucht.

- Besonders wichtiges und im Prinzip anerkanntes Anliegen ist die Integration der Gesundheits- und Sozialberufe.

 

4. Abbau der Regulationsdichte

- Zukunft erfordert flexible und differenzierte Lösungen; schematische Einheitsvorstellungen sind hinderlich.

- Dies gilt auch für Anteil bzw. Verteilung der schulisch vermittelten Ausbildung. Ihr Anteil könnte z. B. mit einer Minimum-Maximum-Bandbreite von einem bis vier Fünfteln geregelt werden.

- Wichtig sind horizontale und vertikale Durchlässigkeiten sowie das Prinzip «kein Abschluss ohne Anschluss».

- Normen werden offener sein als bisher. Ziel ist eine höhere «Reagibilität» und bessere Delegation (Vollzug an Ort). Auch die traditionelle Wahrnehmung der Oberaufsicht könnte endlich verabschiedet werden.

 

5. Strategische Führung beim Bund

- In der Berufsbildung herrscht unübersichtliche Vielfalt von Kommissionen, Organen und Gruppierungen vor, und darum viele Doppelspurigkeiten.

- Darum sehen wir als Beratungsorgan des Bundesrats ein kleines Fachgremium vor, etwa einen «Schweizerischen Berufsbildungsrat».

- Denn der Bund muss in der Berufsbildungspolitik die strategische Führung übernehmen können.

 

6. Mangel an fundierten empirischen Grundlagen

- Grosser Mangel an empirischen Grundlagen bei Entscheidungen; «wir stochern oft völlig im Nebel mangels abgesicherter Daten.»

- Darum werden nun dafür 10 Mio Franken eingesetzt.

- Mit dem BBW zusammen arbeiten wir an der Schaffung eines Lehrstuhls und eines Forschungsnetzwerks für die Berufsbildung.

 

7. «Haushaltsneutrale» Reform nicht zu haben

- Es besteht Konsens darin, dass eine «haushaltsneutrale» Reform nicht zu haben ist.

- Immerhin gibt der Bund für Berufsbildung weniger aus als der Kt. Zürich und auch als der Kt. Bern.

 

8. SIBP

- Die Aufgaben im Bereich Lehrerbildung nehmen zu.

- Das SIBP hat auf Bundesebene wesentliche Aufgaben, die aber weniger verwaltungsorientiert erfüllt werden müssten. Darum das Projekt VLAG (Teilautonomie für das SIBP, d.h. Globalbudget und Leistungsauftrag).

Eine unabhängige Stelle muss die Situation aber noch prüfen. Über VLAG kann darum erst etwa in einem Jahr entschieden werden.

- Wo es valable konkurrierende Angebote gibt, sollte das SIBP nicht eindringen, sondern kooperieren.

- Im Zusammenhang mit dem «Neuen Finanzausgleich» (NFA) schlägt die Arbeitsgruppe 5 (Bildung) vor, die Lehrerbildung den Kantonen zu überlassen. Wir sind hier anderer Meinung, was die Berufsbildung angeht.

 

 

B) Themen ohne Konsens

Noch kein Konsens fand die Expertenkommission in der Frage, welche Rolle dem Bund zukommen solle

- im Bereich Weiterbildung

- in der Lehrerbildung (Vgl. Pt. 8.)

- in der Berufsberatung.

 

 

C) Termine:

- Die Expertenkommission BBG hat am 28./29. August den grösseren Teil der Themen inhaltlich bereinigt. Am Mittwoch, 23. September, arbeitet sie an den Gesetzesartikeln.

- Am 23. September wird die Kommission zwischen 13 und 15 Uhr auch interessierte Parlamentarier informieren. (H. Sieber und die Kommissionsmitglieder Dubs, Richli und Schips; Rest. Bürgerhaus, Bern)

- Im Übrigen gilt weiterhin die Planung, den Gesetzesentwurf bis Ende Jahr dem Bundesrat vorzulegen.

 

 

D) Verstreute Zitate aus dem Referat

 

- Niemand denkt im Traum daran, das duale System aufzugeben.

 

- Zwar hat das bisherige Gesetz selbst kaum eine Neuerung verhindert, doch braucht der Bund heute neue Möglichkeiten zur aktiven Gestaltung von Neuerungen. Denn wir können nicht jedes Mal, wenn neue Probleme gelöst sein wollen, den Ausnahmezustand erklären.

 

- Es zeigt sich, wie recht der alte Keynes noch immer hat: Schwierig ist nicht so sehr, neue Ideen zu haben; schwierig ist, die alten aufzugeben.

 

- Die Klage über die obligatorische Schule, die versagt habe, ist zu alt, als dass sie uns weiterbringen würde.

 

- Bekanntlich hat die OECD der Schweiz Komplimenten für ihre Berufsbildung gemacht, ihr aber auch vorgehalten, sie investiere zu viel in Beton und zu wenig in Köpfe.

 

- Ohne gute Schule keine gute Berufsbildung. Ohne gute Lehrkräfte keine gute Schule.

 

- Zum Thema SIBP habe ich immer nur die Wahrheit zu hören bekommen - doch nie die ganze Wahrheit.

 

- Dass in der Expertenkommission keine Politiker/innen sitzen, liegt am Zweck der Kommission: Sie soll zuerst in die ganze Breite und Tiefe der Berufsbildung eindringen können und die Resultate erst danach dem "demokratischen Abschleifprozess" aussetzen.

 

 

Willy Nabholz

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